Deutschlands zweite KCanG-Zwischenbilanz: kein Konsumschub, mehr Eigenanbau, schwache Club-Rolle und ein stark wachsender Medizinalmarkt.
Zwei Jahre nach Inkrafttreten von Deutschlands KCanG, dem Konsum-Cannabisgesetz, fällt die wissenschaftliche Zwischenbilanz nüchtern aus. Der am 1. April 2026 veröffentlichte zweite Zwischenbericht der Evaluation kommt nach der vorliegenden Primärquelle zu einem gemischten Befund: Die vom Gesetzgeber erhofften positiven Effekte bleiben bislang begrenzt, zugleich sind die schärfsten Warnungen der Kritiker bisher nicht eingetreten. Für ein internationales Publikum ist der Ausgangspunkt wichtig: Seit dem 1. April 2024 erlaubt Deutschland Erwachsenen ab 18 Jahren den teilweisen Besitz und Anbau von Cannabis, während Jugendliche weiter keinen legalen Zugang haben. Genau diese Verschiebung zwischen legalen und illegalen Bezugswegen steht nun im Zentrum der deutschen Evaluationsdebatte.
Deutschlands KCanG steht auf einem nüchternen Zwischenstand
Der zweite Zwischenbericht zur EKOCAN-Evaluation ist weder ein Erfolgspapier noch eine Abrechnung. Nach der Primärquelle lautet die zentrale Aussage, dass die positiven Wirkungen des Gesetzes bislang überschaubar bleiben, die befürchteten negativen Folgen aber ebenfalls weitgehend ausgeblieben sind. Das ist politisch bedeutsam, weil Deutschlands Reform von Beginn an mit sehr gegensätzlichen Erwartungen aufgeladen war: Für die einen sollte sie Schwarzmarkt, Strafverfolgung und Gesundheitsrisiken neu ordnen, für die anderen drohte ein Kontrollverlust.
Die vom Gesetzgeber intendierten positiven Auswirkungen seien noch recht überschaubar, die meisten Befürchtungen der Kritiker aus Politik und Gesellschaft vor Einführung des Gesetzes seien aber auch nicht eingetreten.
Zweite Zwischenbilanz der EKOCAN-Evaluation, wiedergegeben in der Primärquelle
Getragen wird die Evaluation vom Verbundforschungsprojekt EKOCAN mit einem interdisziplinären Fachbeirat aus Wissenschaftlern der Universitäten Düsseldorf, Hamburg/UKE und Tübingen. Der zweite Bericht ist dabei erstmals mehr als eine reine Auswertung vorhandener Daten: Er bezieht auch eigene Interviews mit jungen Konsumenten, Befragungen von Fachkräften in Prävention und Beratung sowie Einschätzungen von Beamten aus der Strafverfolgung ein.
Die wichtigsten Meilensteine der deutschen Evaluation sehen so aus:
Dass der Bericht derzeit eher einen Prüfstand als ein Endergebnis beschreibt, lässt sich auch bildlich fassen:

Die Bezugsquellen verschieben sich, aber nicht so wie geplant
Eine Schlüsselfrage der deutschen Evaluation lautet, ob legale oder zumindest gesetzlich vorgesehene Quellen die illegalen Märkte bereits verdrängen. Das ist besonders heikel, weil Jugendliche auch nach dem KCanG keinen legalen Zugang haben und der Gesetzgeber gerade bei jungen Erwachsenen einen Wechsel weg vom Schwarzmarkt erreichen wollte. Die Primärquelle beschreibt hier tatsächlich Bewegung, aber keine vollständige Verlagerung.
Am klarsten zeigt sich die Verschiebung beim Eigenanbau:
Eigenanbau als Hauptbezugsquelle in der Befragung (%)
Nach den in der Primärquelle wiedergegebenen EKOCAN-Daten stieg der Anteil der Befragten, die ihr Cannabis hauptsächlich aus dem eigenen Anbau beziehen, von 5,4 % im ersten Halbjahr 2024 auf 21,4 % im zweiten Halbjahr 2025. Das stützt die Aussage des Evaluationsteams, dass in Deutschland konsumiertes Cannabis zunehmend aus grundsätzlich legalen Quellen stammt. Zugleich blieb der am häufigsten genannte Kanal aber weiter der sogenannte Bezug über soziale Kontakte, also der illegale Bezug über soziale Kontakte, der im zweiten Halbjahr 2025 bei rund 35 % lag.
Gerade hier zeigt sich die Lücke zwischen Gesetzesidee und Realität. Die neuen Anbauvereinigungen, Deutschlands gesetzliche Form der Cannabis-Sozialclubs, sollten den gemeinschaftlichen Eigenanbau zu einem geordneten, legalen Bezugskanal machen. Tatsächlich hatten 2025 laut Primärquelle jedoch nur rund 3,5 % der Konsumenten Cannabis aus einer Anbauvereinigung bezogen; zudem existierte in weniger als der Hälfte der deutschen Landkreise überhaupt eine solche Vereinigung. Wie ungleich sich die Club-Einführung regional entwickelt, zeigte auch unsere frühere Berichterstattung zur Veröffentlichung von Listen der Anbauvereinigungen in vier Bundesländern.
Die zentralen Versorgungszahlen des Zwischenberichts lassen sich so bündeln:
Der bislang sichtbarste Alltagswandel der Reform ist damit eher privat als vereinsförmig organisiert:

Beim Konsum blieb der große Ausschlag aus
Die politisch wohl wichtigste Nachricht aus Deutschland lautet, dass die Teillegalisierung nach der Primärquelle bislang keinen klaren Konsumschub ausgelöst hat. Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen sei die Konsumprävalenz stabil geblieben oder sogar leicht zurückgegangen. Ebenso sei die Risikowahrnehmung des Cannabis-Konsums bei Jugendlichen nicht gesunken; tendenziell sehen die Wissenschaftler eher das Gegenteil. Auch ein sprunghafter Anstieg von Cannabis-bezogenen Konsumproblemen lasse sich bisher nicht bestätigen.
Damit vertieft die zweite Zwischenbilanz einen Befund, den wir bereits in unserer früheren Übersicht zu den weitgehend unveränderten Konsummustern in Deutschland aufgegriffen haben. Im Detail bestätigt die Primärquelle vor allem vier Punkte:
- Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist bislang kein klarer Anstieg der Konsumprävalenz erkennbar.
- Die Risikowahrnehmung rund um Cannabis-Konsum ist bei Jugendlichen nicht zurückgegangen.
- Ein sprunghafter Anstieg von Cannabis-bezogenen Konsumproblemen wurde bisher nicht bestätigt.
- Ein wachsender Teil des in Deutschland konsumierten Cannabis stammt aus grundsätzlich legalen Quellen.
Auch andere deutsche Medien, die denselben zweiten Zwischenbericht zusammenfassten, kamen zu ähnlich vorsichtigen Lesarten, setzten aber unterschiedliche Akzente:
| Medium | Kernaussage | Quelle |
|---|---|---|
| MDR | Kein Anstieg des Cannabis-Konsums knapp zwei Jahre nach der Gesetzesänderung. | Cannabis-Konsum in Deutschland nach Teillegalisierung stabil |
| Berliner Zeitung | Gemischte Bilanz: kein höherer Konsum, langsame Verdrängung des Schwarzmarkts, aber Defizite bei Jugendschutz, Strafverfolgung und medizinischem Cannabis. | Evaluation der Cannabis-Legalisierung: Kein Konsumanstieg, doch Regierung sieht Handlungsbedarf |
| Tagesschau | Kaum Veränderungen beim Cannabis-Konsum; Kritiker verweisen weiter auf hohe Sicherstellungsmengen. | Zwei Jahre nach Teillegalisierung: Kaum Veränderungen beim Cannabis-Konsum |
Weniger Alarm bedeutet noch keine einfache Entlastung der Justiz
Ein Punkt der Primärquelle verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er die Grenzen der bisherigen Reform offenlegt: Die vom Gesetzgeber erwartete Entlastung der Justiz sei bislang nicht eingetreten. Das ist ein wichtiger Unterschied. Selbst wenn Konsummuster stabil bleiben und legale Quellen an Gewicht gewinnen, folgt daraus noch nicht automatisch, dass Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte bereits spürbar entlastet werden.
Warum diese Unterscheidung zählt, zeigt der fortbestehende informelle und illegale Markt. Bezug über soziale Kontakte bleibt laut Zwischenbericht der häufigste Bezugsweg, und auch illegale Produktion ist nicht verschwunden. Eine Tagesschau-Meldung zu entdeckten illegalen Plantagen in Nordrhein-Westfalen machte im Juni 2026 deutlich, dass größere unerlaubte Anbaustrukturen in Deutschland weiter existieren.
Die deutsche Reform wird deshalb derzeit weniger an einer einzigen Zahl gemessen als an einer offenen Dreiecksfrage: Verschiebt sich die Versorgung in legale Bahnen, sinken dabei Risiken, und werden staatliche Institutionen tatsächlich entlastet? Nach zwei Jahren lautet die Antwort in allen drei Punkten noch nicht eindeutig. Sichtbar ist vor allem, dass sich die Probleme verändert haben, nicht dass sie verschwunden wären:
Medizinal-Cannabis wurde zum unerwarteten Wachstumskanal
Während Anbauvereinigungen hinter den Erwartungen zurückbleiben, beschreibt die Primärquelle einen ganz anderen Sektor als ausgesprochen dynamisch: Medizinal-Cannabis. Das Evaluationsteam schätzt, dass Deutschland inzwischen der größte legal-kommerzielle Markt für Medizinal-Cannabis in Europa ist. Als ein Grund werden die zahlreichen Onlineplattformen genannt, die das verschreibungspflichtige Arzneimittel auch an Freizeitkonsumenten vermarkten.
Deutschland sei der größte legal-kommerzielle Markt für Medizinal-Cannabis in Europa.
Einschätzung des Evaluationsteams in der Primärquelle
Zusammen mit der inländischen Produktionskapazität von 2,6 Tonnen waren 2025 laut Primärquelle in Deutschland bis zu 200 Tonnen Medizinal-Cannabis verfügbar. In den Interviews des Evaluationsteams gaben viele junge Erwachsene sogar an, Cannabis aus sogenannten „Online-Apotheken“ zu beziehen. Das verschiebt die politische Debatte: Nicht nur der illegale Markt und die Clubs, sondern auch der medizinische Kanal ist inzwischen Teil der Regulierungsfrage. Dass Deutschlands Drogenbeauftragter Hendrik Streeck für Modellversuche zum legalen Verkauf offen ist und zugleich eine schärfere Trennung zwischen medizinischem und Freizeitgebrauch anmahnt, wurde auch von RND zur Position des Drogenbeauftragten berichtet.
Der medizinische Bereich ist zudem nicht nur wegen seiner Größe sensibel, sondern auch wegen seiner gesonderten Finanzierung und Regulierung. Das zeigt sich bereits in anderen Berliner Debatten, etwa bei der Diskussion über die Kostenübernahme von Cannabisblüten im Bundestag.
Der sichtbarste Wachstumsbereich des deutschen Modells spielt sich damit nicht im Clubhaus, sondern am medizinischen Versorgungskanal ab:
Die eigentliche Bewertung kommt für Deutschland erst noch
Die zweite Zwischenbilanz beantwortet die deutsche KCanG-Frage deshalb nur teilweise. Sie spricht gegen die alarmistischsten Frühwarnungen, aber auch gegen die Vorstellung, dass ein stabiles Regime schon vollständig steht. Mehr Eigenanbau, stabile oder leicht rückläufige Prävalenz bei Jüngeren und ein wachsender Anteil grundsätzlich legaler Quellen sind reale Veränderungen. Gleichzeitig bleiben Bezug über soziale Kontakte, der schwache Ausbau der Anbauvereinigungen und die enorme Dynamik des medizinischen Kanals offene Baustellen.
Für alle, die Deutschlands nächsten Schritt verstehen wollen, beantworten die vorliegenden Fakten vor allem diese Fragen:
Häufig gestellte Fragen zur zweiten KCanG-Zwischenbilanz
Was bewertet EKOCAN überhaupt?
EKOCAN ist das Verbundforschungsprojekt zur wissenschaftlichen Evaluation der gesellschaftlichen Auswirkungen von Deutschlands Konsum-Cannabisgesetz. Beteiligt sind Wissenschaftler aus Düsseldorf, Hamburg/UKE und Tübingen.
Hat Deutschlands Teillegalisierung den Konsum erhöht?
Nach der in der Primärquelle zusammengefassten zweiten Zwischenbilanz ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen bislang kein Konsumanstieg erkennbar; die Prävalenz sei stabil oder leicht rückläufig.
Haben Anbauvereinigungen den Schwarzmarkt schon verdrängt?
Nein. Bezug über soziale Kontakte blieb im zweiten Halbjahr 2025 mit rund 35 % die am häufigsten genannte Bezugsquelle, während nur rund 3,5 % der Konsumenten 2025 Cannabis aus einer Anbauvereinigung bezogen.
Wann kommt das endgültige Ergebnis?
Ein Abschlussbericht der Evaluation ist für 2028 oder 2029 vorgesehen. Bis dahin bleibt die jetzige Bilanz vorläufig.
Deutschlands zweite KCanG-Zwischenbilanz erzählt damit keine einfache Erfolgsgeschichte und auch kein Scheitern. Nach zwei Jahren zeigt sich vor allem eine Umlenkung: etwas mehr Versorgung aus legalen oder legal angelegten Quellen, kein klarer Anstieg bei jungen Konsumierenden, aber auch keine vollzogene Verdrängung des informellen Markts. Die entscheidende Frage für die nächste Phase der deutschen Reform ist nun nicht mehr, ob das Gesetz irgendeine Wirkung hatte, sondern welche seiner Wirkungen tragfähig genug sind, um daraus ein dauerhaft funktionierendes Regulierungsmodell zu machen.
Quellen
- Cannabiskonsum in Deutschland nach Teillegalisierung stabil (mdr.de)
- Evaluation der Cannabis-Legalisierung: Kein Konsumanstieg, doch Regierung sieht Handlungsbedarf (berliner-zeitung.de)
- Zwei Jahre nach Teillegalisierung: Kaum Veränderungen beim Cannabis-Konsum (tagesschau.de)
- Nordrhein-Westfalen: Mehr Cannabis-Plantagen im Bergischen? (tagesschau.de)
- Drogenbeauftragter Streeck offen für Modellversuche zum legalen Verkauf von Cannabis (rnd.de)








